Riesiges Zweifach-Erdbeben könnte vor 1.100 Jahren den pazifischen Nordwesten getroffen haben
Neue Studie enthüllt die Intensität des antiken Erdbebens
Wissenschaftler haben Hinweise auf ein massives Erdbeben – oder zwei in schneller Folge – entdeckt, das die Region Puget Sound im pazifischen Nordwesten vor fast 1.100 Jahren erschütterte. Die in Science Advances veröffentlichte Studie nutzte die Dendrochronologie, um zu bestimmen, dass zwei Verwerfungssysteme in der Nähe von Seattle innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten zwischen 923 und 924 n. Chr. ausbrachen.
Erdbebenrisiko unterschätzt
Dieses Ergebnis stellt frühere Forschungen in Frage, die darauf hinwiesen, dass das Gebiet nur für kleinere Erdbeben anfällig sei. Die neuen Erkenntnisse legen nahe, dass die Region – zu der Seattle, Tacoma und Olympia, Washington, gehören – stärkere Erdbeben erleben könnte, als bisher angenommen.
Mehrfach-Verwerfungserdbeben
Erdbeben, bei denen mehrere Verwerfungslinien gleichzeitig brechen, gehören zu den zerstörerischsten Ereignissen, die ein Gebiet erleben kann. Sie sind jedoch selten und schwer in historischen Aufzeichnungen zu identifizieren. Das in der neuen Studie beschriebene Erdbeben war wahrscheinlich das Ergebnis eines Mehrfach‑Verwerfungsausbruchs und damit besonders gefährlich.
Baumringe enthüllen den Zeitpunkt des Erdbebens
Um den Zeitpunkt des antiken Erdbebens zu bestimmen, analysierten die Forscher Douglas-Fichten‑Baumringe von sechs Standorten rund um den Puget Sound. Durch den Vergleich der Ringe untereinander und mit einer Referenzchronologie stellten sie fest, dass die Bäume zwischen Oktober 923 und März 924 starben. So konnten sie das Erdbeben bzw. die Erdbeben auf dieses sechsmonatige Fenster datieren.
Miyake‑Ereignis bestätigt die Datierung
Zur Stärkung ihrer Ergebnisse suchten die Wissenschaftler in den Baumringen nach einem charakteristischen Hinweis, der bei der Datierung hilft: einem Anstieg der kosmischen Strahlung, dem sogenannten Miyake‑Ereignis. Dieses Ereignis – möglicherweise ein starker Sonneneruption oder ein Supernova‑Ausbruch – hinterließ einen Sprung der C‑14‑Konzentration in den Bäumen. Ein solches Ereignis wurde zwischen 774 und 775 n. Chr. gefunden und als Referenzpunkt genutzt, wodurch bestätigt wurde, dass das letzte Baumring‑Signal aus dem Jahr 923 n. Chr. stammt.
Größe und Energiefreisetzung
Auf Basis dieser Daten schätzen die Forscher, dass in dem sechsmonatigen Zeitraum entweder zwei nahe beieinanderliegende Erdbeben der Stärke 7,5 und 7,3 oder ein einzelnes, mehrfaultiges Erdbeben mit einer Stärke von etwa 7,8 die Region trafen. Das Szenario eines einzelnen Erdbebens ist etwa dreimal wahrscheinlicher als das von zwei separaten Erdbeben.
Ein Erdbeben der Stärke 7,8 würde, laut Berechnungen, das 38‑fache an Energie freisetzen wie ein Erdbeben der Stärke 6,7 – das bisherige Basis‑Modell für Gefahrenabschätzungen. Dadurch könnte zusätzlich zu weit verbreiteten Schäden und Opfern ein lokaler Tsunami entstehen.
Gefahrmodelle müssen aktualisiert werden
Die Studienergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, Gefahrenmodelle zu überarbeiten, um die Möglichkeit von Erdbeben dieser Größenordnung zu berücksichtigen. Aktuelle Modelle erfassen keine derartig starken Erdbeben, was zu einer Unterschätzung der potenziellen Risiken und zu unzureichender Katastrophenvorsorge führen kann.
Vorbereitung auf das Schlimmste
Obwohl die Wahrscheinlichkeit eines solch extremen Ereignisses in einem einzelnen Jahr gering ist, betont die Studie die Bedeutung der Vorbereitung auf katastrophale Erdbeben. Bauvorschriften und Notfallpläne sollten überprüft und an das mögliche Auftreten größerer Erdbeben angepasst werden.
Auswirkungen für den pazifischen Nordwesten
Das in der neuen Studie beschriebene Erdbeben war wahrscheinlich das intensivste Ereignis in den letzten 16.000 Jahren der Region. Das verdeutlicht die Wichtigkeit fortlaufender Forschung und Überwachung, um die Erdbebenrisiken im pazifischen Nordwesten besser zu verstehen und wirksame Minderungsstrategien zu entwickeln.
